«Es braucht Achtsamkeit, damit man die eigene Wut erkennt»

Gerechtfertigte Wut in gewaltlose, konstruktive Aktionen umlenken: Am Non-Violence-Training Ende März sprachen die Aktivisten Rajagopal P.V. und Jill Harris über Solidarität, Achtsamkeit und Vergebung. Und über den Jai Jagat 2020.
Von Paul Steinmann

Der Jai Jagat 2020 folgt dem Konzept des gewaltfreien Handelns nach Gandhi und führt im Herbst 2020 auch durch Basel. In Vorbereitung dieses Ereignisses leitete der indische Aktivist Rajagopal P.V. am 23./24. März 2019 gemeinsam mit der kanadischen Aktivistin Jill Harris einen Workshop zum Thema «Training für Gewaltfreiheit».  

Die beiden machten deutlich, dass nur Solidarität und ein gemeinsames Vorgehen Erfolge bringen. Wichtig beim gewaltfreien Verhalten ist die Achtsamkeit, damit man die eigene Wut erkennt. Die Kunst besteht darin, dass diese Wut in gewaltlose, konstruktive Aktionen umgewandelt wird.  

Zentral ist die Versöhnung, das Vergeben von vergangenem Unrecht. Ein Täter, der Reue zeigt, bekommt eine neue Chance und wird nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Das ist besonders schwierig, wenn Gewalt bereits ihre Spuren hinterlassen hat. Es ist deshalb umso wichtiger, dass wir uns täglich darin üben. 


Ekta Parishad, eine Graswurzelbewegung

Rajagopal P.V. und Jill Harris sind charismatische, authentische Menschen und stellten am Workshop sehr schnell eine menschliche Nähe und Verbundenheit her. Rajagopal P.V. erzählt gern Geschichten, um den Zuhörern seine Welt näher zu bringen. Immer wieder schwenkte er zu den Ideen von Gandhi, dem Vorbild der Bewegung. Jill Harris spricht ein sehr schönes, gut verständliches Englisch. Sie vermittelt klare Botschaften und erzählte uns viel über die Organisation des Jai Jagat 2020. 

Wir hörten viel von den Anfängen bis heute über die Graswurzelbewegung Ekta Parishad, über die Missstände und die Verzweiflung der indischen Bauern und von vielen Frauen, die ohne Ekta Parishad in der indischen Gesellschaft keine Chance mehr bekämen, wenn sie beispielsweise mit zwölf Jahren, frisch von den Eltern verheiratet, vom Ehemann abgelehnt werden.

 

Frauen zu Aktivistinnen ausbilden

Ekta Parishad bildet diese Frauen zu Aktivistinnen aus. So können sie es zu grossem Ansehen bringen und sind oft diejenigen, die bei wichtigen Ereignissen sprechen.  

Der Jai Jagat 2020 soll ein Sammelgefäss sein für alle systemkritischen Stimmen, die den Wandel fordern, weg von reinem Profitdenken und Eigennutz unter Missachtung der Menschenwürde und der Natur hin zu Werten wie Gewaltlosigkeit, Mitgefühl, Kooperation, Vertrauen, Gerechtigkeit, Bescheidenheit, Frieden, Solidarität, Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit und Gemeinwohl.

 

Die Organisation des Jai Jagat 2020

Der Jai Jagat beginnt am 2. Oktober 2019, dem 150. Geburtstag von Gandhi. Er führt von Indien über den Iran und den Balkan nach Italien und von dort aus weiter nach Brig und Genf, wo er in der letzten Septemberwoche 2020 ankommen soll. Es folgen eine Woche Gespräche mit verschiedenen UNO-Repräsentanten. Am 2. Oktober 2020 ist ein Abschlussfest zu Ehren von Gandhi geplant.  

Gleichzeitig beginnt ein Marsch von Spanien und Nordafrika nach Genf sowie einer von Schweden durch Deutschland nach Basel, wo ein regionales Organisationskomitee den Aufenthalt in Basel und den Marsch nach Genf koordiniert.  

Die Friedenskraft beteiligt sich an dieser Aktion und unterstützt den Jai Jagat 2020 mit Aktionen, die derzeit in Planung sind.

 

Rajagopal P.V. ist ein indischer Aktivist der Gewaltlosigkeit in der Nachfolge Gandhis und Gründer und ehemaliger Präsident von Ekta Parishad, einer indischen sozialen Bewegung, die seit 1991 nach den Prinzipien der Gewaltlosigkeit für die Rechte der 70 Millionen unterdrückten indigenen Adivasis kämpft. Er setzt sich ausserdem intensiv für eine gewaltfreie lokale Ökonomie ein, die sozial gerecht ist und sich an den realen Bedürfnissen der Menschen orientiert. Rajagopals unermüdliche Energie, sein grosses Verständnis und sein Geschick, die Ärmsten der indischen Landbevölkerung zu ermutigen, sich für ihre Rechte einzusetzen, haben ihm von der Basis bis hin zu nationalen Regierungskreisen grossen Respekt verschafft und international bekannt gemacht.

Jill Carr-Harris stammt aus Kanada und lebt seit mehr als 30 Jahren in Indien. Sie ist in Friedenserziehung und in der Lehre der Gewaltlosigkeit nach Gandhi ausgebildet und promovierte an der University of Toronto in Kanada. Gegenwärtig koordiniert sie ein Schulungs- und Forschungsprogramm in Südindien zu Gandhis Konzept von Gewaltfreiheit und Frieden. Sie reist durch das ganze Land, um Bildungs- und Aktionsprogramme durchzuführen. Jill interessiert sich besonders für Frauen und Entwicklung, mit besonderem Fokus auf dem Empowerment-Prozess von Frauen im Rahmen der Gewaltlosigkeit.