Warum zieht ein Schweizer freiwillig in den Krieg?

Anja Kofmels Film «Chris the Swiss» über Leben und Sterben ihres Cousins im Jugoslawienkrieg ist keine leichte Kost. Im Publikum blieben viele Fragen offen, auch unbequeme: Warum fasziniert uns Gewalt? Und wie weit darf ein Journalist auf der Suche nach der Wahrheit gehen?
Von Claudia Fahlbusch

Ich wusste nicht, dass das Reislaufen, das «Söldnertum», in der Schweiz eine lange Tradition hat. Während Jahrhunderten begaben sich Schweizer als Söldner in fremde Dienste – und ich frage mich, warum. Der letzte militärische Konflikt auf Schweizer Boden war der Savoyerhandel 1859/60.

Warum ziehen Schweizer für fremde Herren in den Krieg?

Hatte Chris die Seiten gewechselt?
In «Chris the Swiss» geht Regisseurin Anja Kofmel der Frage nach, was ihren Cousin, den jungen Schweizer Journalisten Christian Würtenberg, dazu brachte, ins kriegsgeschüttelte Jugoslawien zu reisen, wo er im Januar 1992 auf einem Feld tot aufgefunden wurde, erdrosselt. Er trug die Uniform einer internationalen Söldnertruppe.

Was war geschehen?

Hatte Chris die Seiten gewechselt? War er in verdeckter Mission unterwegs? Als Under-Cover-Journalist, wie weiland Günter Wallraff? Wollte er den Geknechteten zu ihrem Recht verhelfen? War er ein Maulwurf, oder ein Geheimagent, wie der in Paris inhaftierte Top-Terrorist «Carlos» behauptet? Oder erlag er am Ende der Faszination der Gewalt?

Warum zieht ein junger Schweizer in einen fremden Krieg?
Anja Kofmel war zehn Jahre alt, als ihr Cousin in Kroatien unter mysteriösen Umständen starb. «Ich will verstehen, warum Chris, ein junger Schweizer, aufgewachsen in einem friedlichen Land, in einen fremden Krieg zieht und dort ermordet wird», sagt sie im Film.

Eine klare Antwort darauf liefert weder der Film noch die anschliessende Diskussion mit den Professoren Lucie Bader und Martino Mona sowie Anja Kofmel, souverän moderiert von Walter Stoffel, Professor für Wirtschaftsrecht an der Uni Freiburg.

Wie weit darf man gehen?
Wie weit darf man gehen als Journalist? Anja Kofmel weiss nicht, ob ihr Cousin an Kriegshandlungen teilgenommen hat. Ob er getötet hat, um seine Tarnung aufrecht zu erhalten, oder aus welchem Grund auch immer. Ob er sein Leben für eine Geschichte riskiert hat, oder für ein Buch, an dem er offenbar arbeitete, und dessen Manuskript verschwunden ist.

Wie weit darf man gehen als Mensch? Chris’ Bruder Michael kann nicht verstehen, warum einer für eine Geschichte sein Leben aufs Spiel setzt. Im Film findet er deutliche Worte für jemanden, der so viel Leid über seine Familie bringt.

Gewalt fasziniert – wie steigen wir aus?
Aus dem Publikum kommt die Frage, was wir daraus lernen, aus dem Film und aus der Geschichte. Wie können wir aussteigen aus der Gewaltspirale?

«Das sollte sich jede und jeder auf dem Heimweg überlegen», findet Martino Mona, Professor für Strafrecht an der Uni Bern. Er spricht mit grosser Offenheit: «Mich beschäftigt diese Frage sehr, insbesondere deshalb, weil ich an mir selbst gewisse Tendenzen feststelle. Hätte ich damals, als junger Mensch, ein bisschen mehr Mut gehabt, wäre ich einer der ersten gewesen, der von der Faszination des Tötens, des Blutes, der Macht angezogen gewesen wäre und solche Dinge vielleicht auch versucht hätte.»

Bei der Frage nach dem Frieden müsse man berücksichtigen, dass Machthaben und Töten tatsächlich eine gewisse Anziehung ausüben. «Da kann man noch so abschrecken und zeigen, wie die Veteranen leiden, die das Erlebte nie verarbeiten können. Die Faszination bleibt. Das beschäftigt mich persönlich enorm.»

Lucie Bader, Professorin FH und Inhaberin der Outreach GmbH für Film- und Wissenschaftskommunikation, merkt an, dass nie von Söldnerinnen die Rede ist: «Es sind eigentlich nur die Männer gemeint, und es hat vielleicht auch mit Identitätsstiftung zu tun, das Kämpferische, das Kriegerische, das Dabeisein.»

Gewalt als Missbrauch der männlichen Kraft
Mir geht bei diesen Worten durch den Kopf, dass Gewalt im Grunde genommen ein Missbrauch der männlichen Kraft ist, die selbstverständlich auch in Frauen steckt. Gewalt ist nicht zu verwechseln mit gesunder Aggression, der Kraft des Antriebs, dank der wir Raum nehmen und Raum halten und etwas in die Welt bringen können.

Hat die Faszination für Gewalt damit zu tun, dass es in unserer Gesellschaft wenig Möglichkeiten gibt, wie Aggression sinnvoll und produktiv gelebt werden kann? Suchen wir deshalb nach Ventilen? War es schon immer so – oder ist das eine Zeiterscheinung?

«Man muss diese Geschichten immer wieder erzählen»
Anja Kofmel offenbart in ihrem Schlusswort, dass sie bei der Recherche zu ihrem Film etwas Ähnliches erlebt hat wie Martino Mona: «Ich war total fasziniert, es war fast wie eine Sucht. Ich konnte nicht mehr aufhören, diese Bilder zu schauen, immer weiter zu wühlen in dieser seltsamen, aber sehr faszinierenden Welt, die ich nur von James Bond kannte.»

Man müsse Geschichten wie die von Chris immer wieder erzählen, sagt Anja Kofmel, doch es seien leider nicht die Geschichten, die man im Kino schauen wolle. Ihr Film wird zwar sehr gelobt und hat Auszeichnungen erhalten, aber «wir haben sehr wenige Eintritte verzeichnet».

Vielleicht ändert sich das noch. Das Berner Kino Rex war jedenfalls fast bis auf den letzten Platz besetzt.

Weitere Vorstellungen von «Chris the Swiss»


Reislaufen: Als Söldner in fremden Diensten
Der Begriff «Reislaufen» leitet sich ab von «Reisige». Das mittelhochdeutsche Wort «reise» bedeutet laut Wikipedia «kriegerischer Auszug, Kriegszug, Feldzug».

Ein Bundesgesetz aus dem Jahr 1859 verbietet die aktive Anwerbung von Söldnern und den Eintritt von Schweizer Bürgern in fremde Dienste. Dessen ungeachtet dienten Tausende Schweizer Söldner in der Fremdenlegion, angeblich etwa eineinhalb Millionen insgesamt. Nur die Iren waren ähnlich stark engagiert, schreibt der Schweizer Autor Jost Auf der Maur in einem Artikel in der «Zeit».

Er sieht im Söldnertum auch einen sicherheitspolitischen Aspekt: Die europäischen Höfe, die Schweizer Söldner gerne in ihre Dienste nahmen, sahen sich durch Verträge gezwungen, die Eidgenossenschaft zu schonen. Jost Auf der Maur hat über das Söldnertum in der Schweiz ein Buch geschrieben. Er entstammt selbst einer Familie von Söldnern.



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